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Gemeinde > Auszug aus der Festschrift zum Jubiläumsjahr 2009
Dagmar Klein
Die Autorin, Dagmar Klein

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Die Pankratiuskapelle in Gießen
Von der Burgkapelle zur Bartning-Kirche
1248–2009  Kleiner Auszug aus der Festschrift, von Dagmar Klein

 

 



 

Der heilige Pankratius
Der Heilige Pankratius
Der heilige Pankratius dargestellt als Ritter in einem Glasfenster im Westchor des Naumburger Doms
(Fenster Nord III) [18]
Die erste Stadtkiche in Gießen
Gotische Stadtkirche und Stadtkirchenturm vom Kirchhof aus gesehen; eine der wenigen existierenden Ansichten (Zeichnung in Sammlung des Oberhessischen Museums) [2]
Otto Bartning (1883–1959) zählt zu den wegweisenden Architekten des 20. Jahrhunderts, der einer neuen Architektenausbildung gemäß der Bauhaus-Idee und dem Neuen Bauen zum Durchbruch verhalf.
Bauen bedeutete für ihn: menschliches Streben nach Höherem, das dem Wunsch nach Befreiung von der Schwerkraft entspringt. Kubische Formen, die neuen Materialien Stahl, Beton und Glas, vorgefertigte Bauteile – all das, was heute selbstverständlich ist, wurde damals neu entwickelt und erprobt.
Bartning hat vieles entworfen und gebaut: Privathäuser und Siedlungsbauten, ein Krematorium und Grabmäler, Bürogebäude und Kliniken. Doch berühmt wurde er für seine gut 150 Kirchenbauten im In- und Ausland.
Er gilt als Erneuerer des evangelischen Kirchenbaus: Konsequent stellte er Kanzel und Altar in den Mittelpunkt der Raumgestaltung. In zahlreichen Veröffentlichungen machte er auf den Zusammenhang von Liturgie und Gestalt des Kirchenraums aufmerksam. In Erinnerung bleibt vor allem das Konzept der „Notkirchen“ für die im Zweiten Weltkrieg zerstörten Städte Deutschlands.


Otto Bartning – Erneuerer des evangelischen
Kirchenbaus und Gestalter der „Notkirchen“ in
der Nachkriegszeit


Am 12. April 1883 wird Otto Bartning in Karlsruhe geboren. Der Vater ist ein erfolgreicher Exportkaufmann, der Großvater war Architekt. Das Interesse für theologische Fragen kommt aus der Familie mütterlicherseits, der Großvater Dr. Karl Wilhelm Doll war evangelischer Landesbischof in Baden. Der junge Bartning lernt viele Dorfkirchen kennen, während er seinen Großvater auf Gottesdienstvisitationen begleitet.
Nach dem Abitur 1902 studiert er Architektur zunächst an der Königlichen Technischen Hochschule (KTH) in Berlin-Charlottenburg und der TH Karlsruhe. Er bricht das Studium ab und begibt sich auf eine Weltreise, die anderthalb Jahre dauert (1904–1906). In den 1930er Jahren schreibt er seine Erinnerungen daran auf, die jedoch erst nach Kriegsende publiziert werden.
1906: Sein unkonventioneller Berufsweg zeichnet sich bald nach der Rückkehr von seiner Weltreise ab. Über einen befreundeten Vikar erhält er den Auftrag zum Bau der evangelischen Kirche in Peggau/Steiermark. Auch wenn ihm Architekturkritiker dort Nachlässigkeit vorwerfen, so handelt es sich doch um eine frühe architektonische Umsetzung der Idee einer demokratischen Gemeinde in der Verbindung von Gemeindesaal, Pfarrhaus und Kirche. Es folgen weitere Aufträge in Österreich und Osteuropa, etwa zeitgleich eröffnet er ein Architekturbüro in Berlin, erhält dort Aufträge für Privathäuser.
Er hört wieder Vorlesungen an der KTH, beendet sein Studium 1908 jedoch ohne Abschluss. 1909 erfolgt sein erster, noch konventioneller Kirchenbau in Deutschland: die Altlutherische Kirche in Essen. 1909 heiratet er Clara Fuchs in Köln, die beiden bekommen fünf Kinder. Im Ersten Weltkrieg stellt er sein Berliner Baubüro dem Roten Kreuz für den „Arbeitsnachweis für genesende Soldaten“ zur Verfügung und arbeitet dort selbst mit. Kriegsbedingt erfolgen nur wenige Aufträge, er beschäftigt sich mit theoretisch-historischen Fragen des Kirchenbaus. Schon bald nach Kriegsende erscheint sein Buch „Vom neuen Kirchbau“ (1919).
Weimarer Republik: Neuerer der Lehre und des Bauens
Mitten in den Revolutionsunruhen November 1918 wird der Arbeitsrat für Kunst (AfK) gegründet, dem neben Bartning die Architekten Bruno Taut und Walter Gropius angehören. Gemeinsam wird ein „Lehrprogramm für Handwerker, Archi tekten und bildende Künstler“ entwickelt, doch die Gründung der Hochschule „Staatliches Bauhaus“ in Weimar geschieht ohne Bartnings Beteiligung; Gropius „zieht es im Alleingang durch“.
Bartning ist 1922 Mitbegründer der Architektenvereinigung „Der Ring“. Von seiner Vorstandstätigkeit im „Werkbund“ zieht er sich wieder zurück, weil ihm dessen Kurs zu konservativ geworden ist. 1924 erhält er die theologische Ehrendoktorwürde der Albertus-Universität in Königsberg/Preußen für seinen Entwurf der „Sternkirche“. Dieser wurde zwar nie realisiert, ist aber heute in einer computercomputertechnischen Simulation nachzuerleben (www.sternkirche.de).
1926 erfolgt Bartnings Berufung zum Professor und Direktor der „Staatlichen Hochschule für Handwerk und Baukunst“ in Weimar, nachdem das „Bauhaus“ unter Gropius nach Dessau gezogen war. Bartning führt mit dem „aktiven Bauatelier“ als Erster die praxisbezogene Architekturausbildung ein. 1929/30 ist er beteiligt an den Neubauten der Siedlung Jungfernheide in der sog. Siemensstadt von Berlin. Doch schon 1930 erfolgt auf Druck der Nationalsozialisten die Auflösung der Hochschule, Bartning wird entlassen und arbeitet wieder als freier Architekt.
Als Mitglied der „Reichsforschungsgesellschaft für Wirtschaftlichkeit im Bau- und Wohnungswesen“ (1926) befasst sich Bartning mit dem rationellen Bauen. Den Einsatz von vorgefertigten Bauteilen setzt er jetzt auch im Kirchenbau um. Im Sommer 1928 wird auf der internationalen Presseausstellung („Pressa“), auf dem neuen Kölner Messegelände, die „Stahlkirche“ erbaut, durch die Bartning einen legendä-ren Ruf bekommt. Der Wiederaufbau der Stahlskelettkonstruktion erfolgt nach Ausstellungsende in Essen-Holsterhausen. Diese Kirche wurde im Zweiten Weltkrieg zerstört und nicht wieder aufgebaut. Doch Essen besitzt neben dem Frühwerk, der Altlutherischen Kirche (1909) noch weitere Bartning-Kirchen. Bemerkenswert ist die Auferstehungskirche (1930), eine Rundkirche, deren tragendes Stahlgerüst von Beton ummantelt und mit Ziegeln ausgefacht ist.
1933: Kirchenbauten und biografisches Schreiben
Nach der NS-Machtergreifung ist er zwar keinen persönlichen Repressionen ausgesetzt, erhält jedoch keine großen öffentlichen Aufträge mehr. In Luxemburg baut er 1933–1936 die Staatliche Frauenklinik Maternité, ansonsten konzentriert er sich auf Kirchenbauten konventionellen Typs: es entstehen allein acht für deutsche Auslandsgemeinden. Auf einer dieser Reisen lernt er Dr. Eugen Gerstenmaier kennen, den späteren Bundestagspräsidenten. Bis 1939 schreibt er an den Erinnerungen seiner Weltreise als junger Mann, deren erster Teil 1947 unter dem Titel „Erdball“ erscheint (1955 erweitert um den zweiten Teil unter dem Titel „Erde Geliebte“). Im Zweiten Weltkrieg wird nicht nur sein Berliner Atelier zerstört, sondern ein Großteil seiner Bauten. Sein einziger Sohn Peter, ebenfalls Architekt, erliegt seinen Kriegsverletzungen.

 

Die Auferstehungskirche ist eine von mehreren Bartning-Kirchen in Essen; das Bauprinzip der Rundkirche: von Beton ummanteltes Stahlgerüst mit Ziegeln ausgefacht [34]

Eine von vielen Kirchen Bartnings

Kirchenbau nach dem Zweiten Weltkrieg


Direkt nach Kriegsende, Ende August 1945, findet in Treysa die erste Kirchenversammlung der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) statt. Auf Initiative von Eugen Gerstenmaier erfolgt die Gründung des „Hilfswerks der Evangelischen Kirche in Deutschland“ (HEKD), dessen Leitung er übernimmt. Eine wichtige Aufgabe dieser Zeit ist der kirchliche Wiederaufbau, zum Leiter der Bauplanung wird Otto Bartning gewählt.


Er hatte 1942–1948 die Bauhütte für die Peterskirche in Heidelberg geleitet. 1943 war er aus dem bombardierten Berlin nach Neckarsteinach gezogen, wo er nach Kriegsende von den Amerikanern zum Bürgermeister ernannt wurde. Daher befindet sich ab 1948 auch das Büro der HEKD-Bauabteilung in Neckarsteinach.
Gerstenmaier und Bartning entwickeln gemeinsam den „Notkirchenplan“, der nicht etwa „Notbehelf“ meint, sondern „aus der Notsituation entstanden“. Mit Hilfe ausländischer Spenden, vorwiegend aus den USA, werden die vorgefertigten, raumhohen Holzbinder geliefert und aufgebaut. Die Zwischenräume werden vor Ort mit vorhandenen Baumaterialien gefüllt, und zwar in Eigenleistung von den Mitgliedern der Kirchengemeinde. Ebenso ist von den Gemeinden die Fundamentierung zu leisten.

 

 


Engagement und Ehrungen des letzten Lebensjahrzehnts


Bartning engagiert sich weiterhin, trotz seines fortgeschrittenen Alters: 1950 wird er Präsident des Bundes Deutscher Architekten (BDA) und zweiter Vorsitzender des wieder gegründeten Deutschen Werkbunds. 1951 erfolgt sein Umzug nach Darmstadt, wo ihm die Stadtverwaltung im Ostflügel des Ernst-Ludwig-Hauses auf der Mathildenhöhe eine Wohnung und einen kleinen Vortragsraum zur Verfügung stellt. Bartning wird zum „geistigen Vater und Organisator der in intellektuellen Kreisen hoch geachteten Darmstädter Gespräche“. Bartning wird zum schreibenden Architekten, er schreibt mehr über Architektur als irgendein anderer Architekt seiner Zeit. An seinem 70. Geburtstag ruft die Stadt Darmstadt 1953 die „Otto-Bartning-Stiftung für Baukunst und Bildende Künste“ ins Leben.


Die Ämter häufen sich: Ab 1952 ist er maßgeblich am Wiederaufbau der Insel Helgoland beteiligt. 1955 wird er in die Berliner Akademie der Künste gewählt und zum städtebaulichen Berater des Berliner Bausenators bestellt. 1956 erfährt Bartning eine Würdigung seines literarischen Schaffens: Er wird Mitglied des westdeutschen P.E.N. (= Poets, Playwrights, Editors, Essayists and Novelists, internationale Schriftstellervereinigung). 1957/58 ist er Mitglied der Jury des Wettbewerbs „Hauptstadt Berlin“ und der Kommission für die Weltausstellung in Brüssel, an der er selbst mit einem Entwurf teilnimmt. Ab 1957 ist er Mitherausgeber der in Darmstadt neu gegründeten Zeitschrift „Kunst und Kirche“. 1958 erhält er die Silberne Ernst-Reuter-Plakette der Stadt Berlin, die Goetheplakette der Stadt Frankfurt a.M., die Silberne Verdienstplakette der Stadt Darmstadt und das Große Verdienstkreuz der Bundesrepublik Deutschland.
Bis zuletzt arbeitet Bartning an Kirchenbauten: an der Thomaskirche in Karlsruhe und dem Neuaufbau der Dreifaltigkeitskirche in Worms. Am 20.2.1959 reißt ihn der Tod mitten aus seinen Aktivitäten. Sein Grab befindet sich auf dem Alten Friedhof in Darmstadt.
Im gleichen Jahr erscheint das zusammen mit Willy Weyres herausgegebene Handbuch zum evangelischen und katholischen Sakralbau. Sein Nachlass geht an die TU Darmstadt, seit einigen Jahren ist er in der Obhut der Kunstgeschichte (www.architektur.tu-darmstadt.de/kuklar/projekte/76).
Auch postum erfolgen weitere Ehrungen, etwa Straßenbenennungen. Im Mai 2006 wird in Berlin die Otto-Bartning-Arbeitsgemeinschaft-Kirchenbau e.V. (OBAK) gegründet, die Daten sammelt und im Internet bereitstellt, Flyer zu einzelnen Bartning-Kirchen erstellt, eine Wanderausstellung zum Bartning-Jahr 2008 konzipiert hat, auch Exkursionen und Vorträge anbietet (www.otto-bartning.de).

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Grab Bartning
Grabstein für Otto Bartning und seine Ehefrau Clara, auf dem Alten Friedhof in Darmstadt [37]    
Die erste Notkirche
Die Erste Notkirche nach dem Zweiten Weltkrieg
In Pforzheim wurde 1947/48 die erste Notkirche erbaut; auch sie ist wie Gießen vom Typ B, d.h .sie hat einen polygonalen Chorabschluss; Unterschied: das Fensterband in Gießen erhielt farbloses Glas [36]

Die erste „Notkirche“ wird von Mai 1947 bis Oktober 1948 in Pforzheim als Prototyp errichtet, es handelt sich um den ersten protestantischen Kirchenneubau der Nachkriegszeit. Bis 1951 entstehen deutschlandweit 43 (von 48 geplanten) „Notkirchen“ in allen vier Besatzungszonen, von denen die meisten bis heute existieren (vgl. www.otto-bartning.de).